WANDERN

Träumen auf dem Blaubeerpfad

Eine Wanderung auf dem Premiumweg P14 bietet fast alles, was die Alpen haben. Nur die vegetationsfreien Gipfel fehlen. Wenn ich Sehnsucht nach den Alpen habe, jedoch keine Zeit, um dort hin zu reisen, dann zieht es mich in den Kaufunger Wald im Geo-Naturpark Frau-Holle-Land.

Heidelandschaft im Kaufunger Wald

Nach zwei heißen Tagen wollte ich wandern gehen, außerdem brauchte ich noch Blaubeeren für meine Waldbeermarmelade. Also entschied ich mich für den Premiumweg P14 im Geo-Naturpark Frau-Holle-Land, einem meiner Lieblingswanderwege. Es sollte den Tag nicht ganz so heiß werden, dennoch an die 30 Grad. Also ging’s gleich morgens los. Schnell zu Hause ein Müsli in der Vesperdose gemacht, auf dem Weg in den Kaufunger Wald noch einen Espresso in der Markthalle getrunken und dann nach Großalmerode gefahren. Um 9 Uhr war der Parkplatz leer. Nicht verwunderlich an einem Donnerstag. Auf der Fahrt freute ich mich einmal mehr über die Freiheiten, die mir meine aktuelle Lebens- und Arbeitssituation bieten. 

Ich entschied mich die Runde linksrum zu laufen. So konnte ich in der zweiten Hälfte die Heidelbeeren pflücken und am Ende noch im See baden. Die Badesachen hatte ich vorsichtshalber schon dabei. Nach wenigen hundert Metern machte ich schon die erste Pause. Mein Magen knurrte. Die Schwarzenberghütte bot mir einen geeigneten Platz im Schatten und eine wundervolle Aussicht auf eine Heidelandschaft und die umliegenden Berge. 

Die Heide entstand hier bereits ab dem Spätmittelalter durch Rodung des Waldes für die Glasherstellung und die Köhlerei. Anschließend wurde der durchwurzelte Oberboden abgestochen und als Einstreu in den Ställen genutzt. Aus den offenen Flächen wurden durch Regen die Nährstoffe herausgewaschen, was sie für Ackerbau unbrauchbar machte. Mit diesem kargen Boden kommen nur Spezialisten wie die Heide oder der Wachholder zurecht und mit dem Nahrungsangebot wiederum nur Schafe und Ziegen. So entstand ein ganz neues Landschaftsbild, welches bis heute durch Weidebewirtschaftung erhalten wird.

Bergab und Bergauf

Nun gings endlich ernsthaft los, mit der Wanderung auf dem Premiumweg P14. Erstmal ein Stück bergab zum zweiten Wanderparkplatz am Freibad von Großalmerode. Dort gibt’s was kurioses: einen Schlauchomat mit Fahrradschläuchen. Ob der noch funktioniert? Weiter gings entlang einer Wiese, die im Frühsommer wunderschön blüht. Eine Wiese, wie man sie sonst eher aus den Alpen kennt. Auf der anderen Seite das Freibad von Großalmerode. Kurz hinter dem Freibad öffnete sich rechter Hand der Blick zwischen den Sträuchern hindurch auf den wolkenverhangenen Hohen Meißner.

Bald führt der Weg hinab auf den Forstweg im Fahrenbachtal. Die Stecke ist zum Teil recht steil, aber zum ersten Mal auf dieser Wanderung fällt mir die absolute Ruhe auf. Der Wind rauscht durch die Baumwipfel und ein paar Vögel zwitschern, aber von der Zivilisation ist nichts zu hören. Herrlich! Der Forstweg wird ein ganzes Stück selbst zum Bachbett des Fahrenbachs, neben dem der Wanderweg zum Waldschlösschen verläuft. Vor der Waldgaststätte die scheinbar schon lange nicht mehr betrieben wird, befindet sich der Mäuseborn. Die 1910 gefasste Quelle ist mittlerweile trocken.

Von hier aus geht’s nun zum Teil recht steil bergan über eine Kalamitätsfläche und durch den Wald bis zu einem Forstweg. Hier im Kaufunger Wald hat sich seit dem letzten Jahr viel verändert. Der Borkenkäfer und die lang anhaltende Trockenheit in den vergangenen Jahren, sowie Stürme haben großen Schaden hinterlassen. Etwa ein Drittel des Waldes am Premiumweg P14 sind bereits gerodet. An einigen Stellen verläuft der Weg jedoch mitten durch die kahlen, toten Fichten. Der Anblick ist furchtbar. Manche Idyllischen Flecken sind kaum wieder zu erkennen, an anderen Stellen sind tolle Aussichten entstanden und es beginnt wieder zu grünen und blühen. Doch dazu später mehr.

Roter See

Nach einem Stück Forstweg zweigt der Wanderweg an einer etwas versteckten Bank wieder in einen Pfad ab. Der Premiumweg P14 ist in der Regel gut ausgeschildert, hier jedoch muss man ein wenig aufmerksam sein. Durch den Wald geht’s ein Stück bergauf, jedoch bei weitem nicht so Steil wie zuvor. Bevor der Weg eine Wiese quert, wird auf einer Tafel über die Glasherstellung und Köhlerei im Kaufunger Wald informiert.

Am Ende der Wiese habe ich zum ersten Mal entdeckt, dass auf einen 50 Meter entfernten Abstecher, den Roten See, hingewiesen wird. Den musste ich mir natürlich ansehen, einen roten See. Ich war etwas enttäuscht, dass der Rote See gar nicht rot war. Eine Hinweistafel erklärte das Phänomen: die rote Farbe soll durch eingeschwemmte Tonpartikel des umgebenden Buntsandsteins entstanden sein. Bei einem Gewitter im Jahr 1940 entfärbte sich der See durch einen Blitzschlag. Ich hätte wohl in der Schule in Chemie besser aufpassen sollen, dann würde ich das nun verstehen.

Der Forstweg, auf dem der Premiumweg P14 nun verläuft, geht bald über in einen Pfad, der Anfangs von Jungaufwuchs umgeben ist. Ein kurzes Stück führt der Pfad durch einen Fichtenforst in dem es zur Zeit Nadeln regnet und schließlich durch einen Laubmischwald mit Bergahorn und Buche. Das Berggasthaus Bilstein erreiche ich nun über eine schmale, steile Treppe. Da tut sich vor mit ein Gerüst auf. Ich bin verwundert und finde am Toilettenhäuschen die Erklärung für das Holzhaus hinter dem Gerüst. Hier entsteht eine Baumkronenplattform. 

Bilstein im Kaufunger Wald

Die Berggaststätte am Bilstein liegt auf 635 m ü NN und ist die älteste bewirtschaftete Schutzhütte im deutschsprachigen Raum. Seit über 140 Jahren wird hier für das leibliche Wohl der Wanderer gesorgt. Leider hatte sie an diesem Tag geschlossen, denn hier kehre ich immer gerne ein, weil jeder Wanderer oder Radfahrer wie ein Freund empfangen wird und ich mir wünsche, dass dies noch sehr lange so bleiben wird.

1891 wurde auf der Kuppe der Turm errichtet und 1960 um sieben Meter erhöht. Ich liebe Türme und ich liebe es oben zu stehen und über alles drüber schauen zu können. Also geht’s die 90 Stufen rauf. Von dort hat man eine fantastische Aussicht nach Thüringen, Niedersachsen, in die Rhön und nach Kassel zum Herkules.

Nach einer kurzen Rast geht’s nun bergab durch den Wald. An der großen Kreuzung sollte man auf die Verzierung der Wegweiser achten, ein wanderndes Paar. Im übrigen sei gesagt, wer die Runde anders herum läuft (was ich nicht empfehlen würde, weil’s dann am Ende steil bergauf geht) sollte hier noch keine Rast einlegen, sondern die letzten Meter rauf zur Waldgaststätte nehmen. Dort stehen auch ein paar Bänke die nicht zur Gaststätte gehören und es sitzt sich dort wesentlich schöner.

Blaubeerparadies

Nun komme ich endlich zu meinen Blaubeeren. Unter einer dicken Fichte sind die ersten tragenden Sträucher. Doch welche Enttäuschung, in diesem Jahr sind sie leer und die paar Beeren die dran hängen sind klein und trocken. Ein Stück weiter gibt es dann aber doch noch weitere Sträucher die voll hängen. Trotzdem dauert es eineinhalb Stunden, bis ich meine Eisdose gefüllt habe. 700 Gramm waren es immerhin. 

Nun hätte ich gerne etwas zu Essen gehabt, aber außer einem Haferriegel hatte ich nichts. Es hilft nichts, weiter geht’s durch den Wald. Und dann stehe ich vor einer riesengroßen freien Fläche. Das war im letzten Jahr noch nicht so. Die vom Borkenkäfer befallenen Fichten waren schon gefällt und abtransportiert, dennoch standen am anderen Ende der Fläche noch weitere tote Fichten. Zum ersten Mal war ich geschockt von diesem Anblick. Der Premiumweg P14 war für mich immer eine Symbiose aus märchenhaftem Wanderweg mit alpin anmutenden Abschnitten. Davon war nicht viel übrig geblieben.

Hier musste ich wieder ein wenig genauer schauen, wo sich der Einstieg in diese Fläche, also der Pfad, befand. Es ist aber doch erstaunlich, was alles im Boden schlummert. Die Fläche war relativ dicht bewachsen, wenn auch das Gras schon braun von der anhaltenden Trockenheit war, so hatten sich doch schon einige Pflanzen die Fläche zurückerobert, zum Beispiel auch das Heidekraut.

Niestequelle und Steinbergsee

Hinter den noch stehenden Fichten dann der nächste Schock. Dieser Fleck kam mir bekannt vor, aber irgendwie auch wieder nicht. Ein Stück weiter entdeckte ich dann das Hinweisschild auf die Quelle der Nieste. Hier schien das Sonnenlicht immer dezent durch die Fichten, sodass sich am Boden mit Hilfe der Feuchtigkeit ein zartes Grün entwickelt hatte. Nun war hier weder eine Fichte, noch zartes Grün zu sehen, nur das rote Bachbett der Nieste. Die roten Ablagerungen sind natürlichen Ursprungs, bedingt durch einen hohe Eisengehalt. Die Nieste ist ein Zufluss der Fulda. Der Name findet sich als Gemeinde nahe der Stadt Kassel wieder.

Und dann wurde es ein wenig gruselig und geisterhaft. Die Fichten am Steinbergsee waren überwiegend tot. Nur die Gerippe standen noch. Es fehlte nur noch Nebel und Spinnweben, dann wäre dies ein perfekter Ort für einen gruseligen Geisterfilm. Der See ist wunderschön gelegen und lädt zum Baden ein. Badeklamotten hatte ich auch dabei, aber der Hunger war größer als das Verlangen nach Abkühlung. Außerdem kam der erste Regenschauer. Wie die anderen Seen auch, ist der Steinbergsee durch den Bergbau entstanden. In der Nähe des Steinbergsee befinden sich alte Betonmauerreste. Der noch erhaltene Bewetterungsschacht stammt aus den 1920er Jahren. Daneben stand das Steinberghaus als Unterkunft für die Arbeiter.

Ein Stück weiter führt der Weg durch einen ehemaliger Steinbruch, in dem eine Schutzhütte errichtet wurde. Nun ist’s nicht mehr weit zurück zum Parkplatz. Kaum aus dem Wald raus fing es erneut an zu regnen, was bei den Temperaturen sehr angenehm war. So nahm die Wanderung mit vielen Eindrücken ihr Ende. Der Premiumwanderweg P14 bleibt nach wie vor meine Lieblingswanderroute, weil sie zu jeder Jahreszeit und in jedem Jahr anders ist.