Hochgebirgsnaturpark Zillertaler Alpen

Arbeitsurlaub im Zillertaler Bergwald

Im vergangenen Jahr war ich auf der Suche nach einem neuen Sinn in meinem Leben. Ich verfolgte zwei Ideen: Arbeiten als Allrounder auf einer Hütte in den österreichischen Alpen und Ranger in einem Nationalpark. Diese führten mich zu den Bergwaldprojekten der Alpenverein Akademie. Im Herbst war leider kein Platz mehr frei. Also wartete ich sehnsüchtig auf das neue Programm für 2022. Kaum war es veröffentlicht meldete ich mich für ein Projekt im Zillertal an. Mitte Juni war es dann so weit. Fünf Tage im Bergsteigerdorf Ginzling, mit vier weiteren fleißigen Projektteilnehmenden. 

Nach der Anreise am Sonntag machten wir mit Alina, unserer Gruppenbetreuerin, die uns die ganze Woche begleitete, einen Spaziergang rund ums Dorf. Schon da haben wir uns alle gut verstanden und wir haben viel gelacht und so ging es die ganze Woche weiter. Am Abend kam Ramona, die Projektleiterin, noch dazu. Wir haben gemeinsam gekocht und gespielt und sind dann zeitig ins Bett gegangen. 

Tag 1: Schepsen

Am Montag Morgen klingelte der Wecker um sieben Uhr. Etwas verschlafen krochen wir Mädels aus den Federn und schlurften zum Frühstück. Liebevoll bekam jeder der wollte, von Vasso und Brant, die das Backyard Mountain Hostel in Ginzling führen, einen Kaffee in die Hand gedrückt. Nach dem Frühstück trafen wir uns mit dem Revierleiter des hinteren Zillertals und zwei Forstarbeitern, Markus und Martin, am Naturparkhaus. Nach einer kurzen Einführung gings zu Fuß los. Es regnete. Unser Weg war nicht weit. Oberhalb von Ginzling befanden sich einige vom Borkenkäfer befallene Fichten. Die Ausbreitung des Borkenkäfers sollte hier eingedämmt werden. Insgesamt wurden acht Bäume von Markus gefällt, von denen drei schon abgestorben waren. Die übrigen fünf Fichten haben wir geschepst (entrindet), um einen Schädlingsbefall bzw. die Ausbreitung des Borkenkäfers zu verhindern. Besonders viel Spaß hat dies mit der handgemachten Schepse gemacht. Einfach einen Keil an einen Stock gesägt oder gehackt und los gings. Damit kann man große Rindenstücke abschälen. Früher haben die Forstleute diese als Abdeckung für Unterstände genutzt, wenn sie mehrere Tage im Wald waren. Der erste Tag hat mich schon gut geschafft. Wir hatten nach Schätzung von Martin zehn bis zwölf Festmeter Holz gefällt und geschepst. Zitat von Martin an seinen Kollegen: „Die Mädels haben teuflisch geschepst“. Das ist mal ne Auszeichnung! Wieder zurück im Hostel erstmal geduscht, dann ein Radler oder Bier. So ging es jeden Abend. Mit gemeinsamen Kochen und Spielen haben wir den Tag ausklingen lassen.

Tag 2: Sensen

Auch am Dienstag klingelte der Wecker wieder um sieben Uhr, frühstücken und los gings zum Naturparkhaus. Von hier aus fuhren wir zuerst mit dem Auto das Zemmbachtal hinauf. Unterhalb von einem sehr steilen Hang parkten wir und gingen den Rest zu Fuß. Es war warm und ich war schon das erste Mal erschöpft als wir am Einsatzort ankamen. Auf der Kalamitätsfläche wurden die Fichten vor zehn Jahren gefällt und im Frühjahr diesen Jahres aufgeforstet. Der natürliche Aufwuchs war nur sehr eingeschränkt vorhanden. Unsere Aufgabe war es nun die kleinen Fichten zu suchen und mit einer Sichel von Gras, Brennnesseln und Disteln zu befreien, damit sie Luft und Licht bekommen. Es war wie Ostereier suchen und später wie die berühmte Stecknadel im Heuhaufen. Wegen der Brennnesseln war lange Kleidung angesagt, die Sonne brutzelte auf uns herab und der Hang auf dem wir arbeiteten, hatte eine Neigung von ca. 30°. Alles in allem ein noch anstrengenderer Tag als der Tag zuvor. Leider machten sich auch meine Sehnen im Unterarm immer mehr bemerkbar. Wenn ich einen Lauf beim Finden der Fichten hatte, machte es Spaß ansonsten war es einfach nur anstrengend. Als der Feierabend ausgerufen wurde, freute ich mich sehr, aber nun musste man noch den steilen Berg runter. Martin drückte uns Mädels jeweils einen Stock in die Hand, damit wir es beim Abstieg leichter hatten. Und es ging wirklich leichter.

Nach zwei Tagen Arbeit tat mir mein Arm weh und meine Hose war kaputt. So gings nach der Arbeit erstmal nach Mayrhofen in die Apotheke und in den Sportladen. Wieder im Hostel angekommen „the same procedure as every day“: duschen, Radler trinken, kochen, spielen, schlafen.

Tag 3: Wandern

Der Mittwoch war unser arbeitsfreier Tag und wir konnten ein wenig länger schlafen. Um 10 Uhr trafen wir uns am Naturparkhaus mit Nina, der Wanderführerin und wanderten mit ihr zur Maxhütte. Eine wunderschöne Strecke über einen steinigen Weg mitten im Fichtenwald. Meine fehlende Kondition machte mir nicht nur körperlich, sondern auch psychisch zu schaffen. Aber ich wollte unbedingt dort rauf, so weit war es ja nicht. Da fiel mir mein T-Shirt ein auf dem steht: „Ich werde nicht aufgeben, aber ich werde die ganze Zeit fluchen“. Das nahm ich mir zu Herzen und fluchte leise vor mich hin. Am Teufelsmühlen-Wasserfall hatte ich mich soweit gefangen, dass ich die Schönheit meiner Umgebung wieder wahrnehmen konnte. Nun ging es nicht mehr ganz so steil entlang des Gebirgsbaches weiter. Dann lichtete sich der Wald und ein wahnsinns Alpenpanorama lag vor uns. Wir wanderten noch ein Stück das Tal hinauf vorbei an der Maxhütte. Nach einer Rast mit Abkühlung im Bach gings zurück zur Maxhütte zu einer zünftigen Mahlzeit. Endlich wieder mal Kaspressknödel in Suppe (ich liebe Kaspressknödelsuppe), danach ein Stück Marillenkuchen und einen Zirbenschnaps dazu. Am frühen Nachmittag machten wir uns auf den Rückweg. 

Nachdem wir uns ein wenig ausgeruht und zu Abend gegessen hatten, holte Alina ihre Gitarre raus und spielte ein paar Lieder, die wir mal mehr, mal weniger gut mitsingen konnten. Ich war so müde, dass ich noch vor den anderen ins Bett ging.

Tag 4: Fichtenbekämpfung

Und wieder klingelt der Wecker um sieben Uhr. Wie schon die ersten beiden Arbeitstage: frühstücken und zum Naturparkhaus laufen. Mit dem Auto gings nach Finkenberg. Hier hat sich auf natürliche Weise in und um die Tuxbachklamm auf Granit und Gneis ein für das Gebirge seltener Laubmischwald mit Linden, Buchen, Ahorn und Ulmen angesiedelt. Seit 1977 ist die „Glocke“ geschützter Landschaftsteil. Um dieses besondere Biotop zu erhalten, müssen immer wieder die Fichten, die sich hier versamen raus genommen werden. Dies war unsere Aufgabe. Gegen Mittag fing es an zu regnen, was erstmal nicht weiter schlimm war. Da wir aber die kleinen Fichten durch die hohen Heidelbeersträucher raus ziehen mussten, waren wir schnell bis zum Hintern nass. Wir haben eher als die letzten Tage Feierabend gemacht und nach der Dusche hat uns Ramona einen kleinen Vortrag über Neophyten als Vorgeschmack auf den folgenden Tag gehalten. Es war sehr spannend und es entstand ein reger Austausch. Den Abend haben wir wieder mit Essen und Spielen ausklingen lassen.

Tag 5: Neophytenbekämpfung

Nach der alltäglichen Morgenprozedur gings zu Fuß los. Unsere Aufgabe: Staudenknöterich und Drüsiges Springkraut entlang des Zemmbachs entfernen. Die Sonne scheint gnadenlos und im Verlauf des Vormittags wird es immer wärmer. Die Bekämpfung des Staudenknöterichs erfolgt im Naturpark auf verschiedene Weisen, als eine Art Feldversuch. An manchen Stellen wurde versucht die Wurzel so gut wie möglich zu entfernen und mit Hilfe einer Folie, die die Fläche bedeckt, das Wachstum einzudämmen. Anderswo wird regelmäßig der Knöterich mit der Hacke entfernt. Mir fiel das Arbeiten mit der rechten Hand zunehmend schwerer, weil sich die anfänglichen Schmerzen zu einer Sehnenentzündung ausgedehnt hatten. Nach einer Pause nach getaner Arbeit, wurden die Beilagen für den Grillabend vorbereitet. Nachdem wir noch lange am Lagerfeuer gesessen haben, entschlossen Alina und ich uns, die Nacht in den Hängematten zu verbringen. Das war ein tolles Erlebnis. Absolute Stille, nur das Rauschen des Zemmbachs und ein wahnsinns Sternenhimmel über uns. Es war etwas frisch, aber mit allen Kleidungsschichten, die ich dabei hatte, war es erträglich. Ich habe gut geschlafen und wurde in der Frühe von Vogelgezwitscher geweckt.

Das Bergwaldprojekt hat mir einen ganz neuen Blick auf das Biotop ‚Wald‘ gegeben. Insbesondere der Schutzwald in den Alpen ist für das Leben der Menschen dort enorm wichtig. Dies wurde mir durch das Arbeiten vor Ort noch einmal deutlich. Wir schauen allzu oft auf den Regenwald und schützen diesen vermeintlich durch das Trinken einer bestimmten Biersorte. Meiner Meinung nach sollten wir viel mehr auf unsere eigenen Wälder schauen und diese schützen und angemessen bewirtschaften. Sie sind wichtig für eine Artenvielfalt der Fauna und Flora, was wiederum dazu beiträgt, dass wir jeden Tag etwas zu Essen auf dem Tisch haben und schließlich sind Wälder für eine gute Luft wichtig, die wir zum atmen brauchen. Jeder einzelne von uns kann mit der Freiwilligenarbeit bei einem Bergwaldprojekt etwas für die Natur tun und sein Bewusstsein für das Leben da draußen schärfen. Bleib neugierig!

Was aus meiner Sinnsuche geworden ist, seht ihr hier auf der Website. Ich bin auf dem Weg in die Selbständigkeit und biete kulturelle Führungen und begleitete Wanderungen für Jedermann. Außerdem möchte ich dazu inspirieren, unsere Umwelt oder viel schöner unsere Mitwelt zu entdecken.